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Eurogamer führt wieder Wertungen ein – Meine Meinung dazu

Die Spielewebsite Eurogamer.de führt nach sieben Jahren wieder ihr klassisches Zehnersystem ein. Was ich von diesem Schritt halte, erfahrt ihr in dieser Kolumne.

Geschichtlicher Kontext

Zuerst aber noch ein wenig Hintergrundinfos für diejenigen unter euch, die mit Eurogamer.de nicht vertraut sind. Das Eurogamer-Netzwerk wurde 1999 gegründet, der deutsche Ableger ging 2006 ans Netz. Wie es für Spielemagazine gerade zu dieser Zeit noch üblich war, setzte auch Eurogamer.de sehr stark auf Tests. Interessanterweise verwendete die Redaktion damals schon ein Zehnersystem. Das war ungewöhnlich, denn alle namhaften Websiten und Hefte setzten zu dieser Zeit noch auf die altbekannten Prozentwertungen. Im Gegensatz zu Prozentwertungen muss das Zehnersystem im Verhältnis stärker ausgereizt werden. Es hilft schließlich niemandem, wenn eine Redaktion nur Siebener und Achter vergibt.

Nach oben hin bedeutete das für Eurogamer, dass die 9 verhältnismäßig oft gezückt wurde und es für besonders herausragende Spiele wie GTA 5 oder Minecraft auch durchaus mal eine glatte 10 gab. Aber auch nach unten wurde die Wertungsskala verhältnismäßig stark ausgenutzt. Mit einer 7 für Dragon Age 2 und einer 4 für Arcania: Gothic 4 lag man damals deutlich unter den Wertungen der Konkurrenz – bis auf 4Players, aber das ist wiederum eine andere Geschichte.

Ab sofort ohne Wertungen! Oder doch nicht?

Anfang 2015 verabschiedete Eurogamer sich jedoch von seinen Zehnerwertungen und führte ein neues System ein, das ohne Zahlen auskam. Ab sofort wurden Spiele mit Plaketten bewertet, die es in drei Ausführungen gab: »Herausragend«, »Empfehlenswert« und »Finger weg!«. Außerdem gab es noch eine vierte Option, bei der komplett auf eine Plakette verzichtet wurde und die dementsprechend Spiele zwischen »Empfehlenswert« und »Finger weg!« beschrieben hat. Es handelte sich also effektiv um ein Dreier- beziehungswiese Vierersystem – je nachdem, wie man es betrachten will.

Damit gehörte man mitunter zu den ersten deutschen Magazinen, die ihr Wertungssystem deutlich vereinfacht beziehungsweise abgeschafft haben. Dieser Schritt erregte damals in den Kreisen des Spielejournalismus einiges an Aufmerksamkeit. 4Players widmete dem Thema beispielsweise ein Video, auch der Spielepodcast »Auf ein Bier« diskutierte die neuen Eurogamer-Wertungen in seiner allerersten Folge.

Begründung der Umstellung

Eurogamer-Chefredakteure Martin Woger, der diese Position auch heute noch innehat, begründete den drastischen Umbau des Wertungssystems in einer Kolumne vom 10.02.2015, die mit der plakativen Überschrift »Weg mit den Wertungen!« betitelt wurde. Er führt hier vor allem zwei Argumente an: Zum einen stellt Woger die Frage, ob es denn wirklich relevant sei, ob ein Spiel 4, 5 oder 6 Punkte erhielte, denn die Aussage hinter all diesen Wertungen sei dieselbe: Man solle dieses Spiel auf keinen Fall blind kaufen. Stattdessen wolle sich die Redaktion nun darauf konzentrieren, die Trennlinie zwischen empfehlenswerten und nicht empfehlenswerten Spielen herauszuarbeiten, wodurch Kompromisswertungen wie eine 7 wegfallen würden.

Außerdem machten gewisse Entwicklungen im Spielesegment traditionelle Wertungen nur schwer umsetzbar. Ein tolles Solospiel, dessen Online-Modus komplett verbuggt ist, könne man beispielsweise nicht einfach in eine einzige Wertung pressen.

Woger schloss seine Kolumne mit dem etwas provokanten Satz: »Danke, Wertungszahl, dass es dich gab, du hattest deine Zeit, vielleicht sehen wir uns wieder, man weiß nie, was die Zukunft bringt.« Auch wenn hier eine gewisse Einschränkung getroffen wurde, wird doch klar, dass die Redaktion mit klassischen Wertungen abgeschlossen hat und von ihrem neuen System überzeugt ist. In den Kommentaren stößt die Abschaffung der Wertungen auf viel Zuspruch.

Die Rückkehr der Wertungen

Siebeneinhalb Jahre später sollte Wogers Nebensatz Realität werden: Am 16.09.2022 erschien ein Artikel, in dem die Redaktion zur Diskussion stellte, ob es wieder klassische Wertungen auf Eurogamer geben solle. Das Zurückrudern nach mehr als einem Dreivierteljahrzehnt erklärte Martin Woger damit, dass die Anzahl der »Finger weg!«-Spiele gegen Null gesunken sei. Stattdessen gäbe es immer mehr hochwertige Titel, die sich zwischen »Empfehlenswert« und »Herausragend« bewegen. Hier vermisse die Redaktion die klassischen Zehnerzahlen, die mehr Differenzierung ermöglichten.

Zwei Drittel aller Leser stimmten dafür, Wertungen wieder einzuführen, 24% mit »Nein« und 9% war es egal. Am 03.11.2022 ging der Test zu God of War: Ragnarök online, mit dem Wertungen offiziell wieder eingeführt wurden. Das Spiel erhielt eine 10 und wurde außerdem noch mit einer »Herausragend«-Plakette ausgezeichnet. Denn die neuen beziehungsweise alten Wertungen bleiben ebenfalls erhalten, sind aber nicht an eine bestimmte Zahl gekoppelt.

Meine Meinung

So weit also die Fakten. Nun kommen wir endlich zu meiner Einschätzung des Ganzen. Ich begrüße die Wiedereinführung der Zehnerwertungen voll und ganz. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe. Den ersten und wichtigsten davon hat die Redaktion selbst schon angeschnitten: »Finger weg!« wurde quasi nie vergeben, wodurch »Gar nichts« effektiv zur neuen niedrigsten Wertung wurde. Herausragende Wertungen gab es zwar halbwegs regelmäßig, nach absoluten Maßstäben aber immer noch recht selten – was natürlich auch vollkommen Sinn ergibt.

Im Umkehrschluss bedeutete dies aber auch, dass es für die überwiegende Mehrheit der Spiele nur zwei Wertungsoptionen gab, die realistischerweise in Betracht gezogen werden konnte. Und das halte ich für erheblich zu wenig, zumal sich die Aussagekraft von »Gar nichts« und »Empfehlenswert« doch arg in Grenzen hält. Ich lege wert auf Präzision. Über den Sinn und Unsinn von Prozentwertungen kann man freilich diskutieren, aber gleichzeitig finde ich, dass man auch nicht allzu sehr ins andere Extrem abdriften sollte.

Mein zweites Argument hat damit zu tun, dass die Abschaffung der Wertungen bedeutet hat, dass Eurogamer.de auf Seiten wie Metacritic nicht mehr gelistet wurde. In der deutschen PC Games Database tauchten Eurogamer-Tests zwar immer noch bei den Reviews zu einem Spiel auf, flossen aber nicht mehr in die Gesamtprozentzahl ein. Das ist insofern schade, als dass Eurogamer, wie eingangs beschrieben, durchaus kritischer als andere Magazine sein konnte und uns dementsprechend eine Art Korrektiv verlorengegangen ist. Jörg Luibl von 4Players hat dies hier schön zusammengefasst:

Zum Ende hin noch ein Appell von meiner Seite. Wir haben in diesem Video natürlich viel über Wertungen geredet. Dabei gilt es immer zu bedenken, dass diese nur ein ganz kleiner Teil eines Tests sind. Ich kenne selbst das niederschmetternde Gefühl, wenn man sich richtig viel Arbeit mit einem Text macht und die Leser dann doch nur über die Zahl am Ende diskutieren. Deshalb: Wenn ihr es zeitlich einrichten könnt, dann lest Tests auf jeden Fall durch und hinterlasst vielleicht auch mal einen netten Kommentar. Das liest man als Tester deutlich lieber als Nachrichten der Marke »Ihr habt nur eine 88 gegeben, das Spiel ist aber eine 89!«

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