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Fable Anniversary – Die Neuauflage geht nicht weit genug | Kritik

Eine Dekade, zehn Jahre – eine lange Zeit, in der viel passieren kann. Das gilt vor allem für Videospiele, die sich technisch so schnell weiterentwickeln (und dementsprechend auch rasant altern) wie kein anderes Unterhaltungsmedium. Da ist es nur wenig verwunderlich, dass der ursprünglich 2004 für die Xbox und dann 2005 für den PC veröffentlichte Rollenspiel-Klassiker Fable pünktlich zum zehnjährigen Jubläum eine Neuauflage spendiert bekommen hat. Ich hatte Fable zuletzt 2018 gespielt, damals noch in der ursprünglichen Variante. In meinem Kopf hatte ich das Spiel als einen mittleren Siebziger abgespeichert. Nun habe ich mir die Neuauflage Fable Anniversary im Jahr 2022 genau angeschaut und muss konstatieren, dass sich meine Erinnerungen nicht mehr mit der Realität deckten.

Helden braucht die Welt

In Fable werden wir zum strahlenden Helden – oder zum fiesen Bösewicht. Doch bevor wir später das Schicksal der Welt verändern, fangen wir klein an. Wortwörtlich. Wir schlüpfen in die Rolle eines kleinen Jungen, der mit seiner Familie im beschaulichen Dörfchen Oakvale lebt. Unser größtes Problem: Wie beschaffen wir das Geburtstagsgeschenk für unsere Schwester? Doch derart sorgenfrei bleibt unser Leben natürlich nicht lange. Oakvale wird von Banditen überfallen, welche nicht nur die Dorfbewohner, sondern auch unsere Familie ermorden. Als einziger Überlebender werden wir von einem Helden namens Maze gerettet und zur Heldengilde gebracht. Dort werden wir zum Helden ausgebildet und nach unserer Abschlussprüfung in die Welt von Fable entlassen.

Der Held Maze rettet uns zu Beginn des Spiels vor Banditen.

Die Geschichte des Spiels fällt leider unterdurchschnittlich bis mittelmäßig aus. Fable bewegt sich irgendwo zwischen ernster Erzählung – wir erinnern uns: unsere Familie wurde brutal ermordert – und einer Karikatur. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, warum die Sprachaufnahmen der Figuren dermaßen comichaft überzeichnet beziehungsweise schlicht und ergreifend schlecht ausgefallen sind. Jedenfalls ist die Geschichte nichts Halbes und nichts Ganzes. Dazu kommt noch, dass Messer-Jack einer der langweiligsten Antagonisten ist, die ich je gesehen habe. Die, wenn man so will, »Zusatzepisode« namens The Lost Chapters lässt die Handlung gegen Ende ebenfalls seltsam wirken, aber das kann ich leider nicht genauer ausführen, ohne viel zu spoilern.

Der Ruf der Dunklen Seite

Aber genug von der Geschichte, widmen wir uns den eigentlichen Spielmechaniken. Ein großes Alleinstellungsmerkmal von Fable ist zweifelsohne, dass uns das Spiel immer wieder mit Entscheidungen konfrontiert. Verglichen mit anderen Rollenspielen wie beispielsweise The Witcher somd diese Entscheidungen sehr klar in schwarz und weiß unterteilt. Das Spiel wirbt zwar damit, dass wir uns auch im Bereich zwischen den beiden Extremen, strahlender Held und gemeiner Schurke, bewegen können. Mir kam es jedoch so vor, dass letztendlich alles auf diese beiden Möglichkeiten hinausläuft, da es auch jeweils nur zwei Entscheidungsmöglichkeiten gibt. Natürlich können wir uns mal gut, mal böse entscheiden, um quasi auf »neutral« zu stehen, aber das ist für mich kein Rollenspiel – es sei denn, man möchte absichtlich eine schizophrene Figur verkörpern.

Manche Quests existieren sowohl in guter als auch in böser Ausführung.

Das Böse bringt, wie gewohnt, einige Vorteile mit sich: Wer im Wald Händler überfällt, von unbescholtenen Bürgern stiehlt oder gar Menschen umbringt, um in den Besitz deren Häuser zu gelangen, verfügt über mehr finanzielle Mittel als ein tugendhafter Ordnungshüter. Aber auch moralische Helden nagen nicht am Hungertuch. Ein nettes Extra: Die Entscheidungen wirken sich direkt auf das Aussehen unseres Protagonisten aus. Als Verfechter der Ordnung schwebt ein Heiligenschein über dem Haupt, einem Teufel sprießen stattdessen Hörner.

Held, Ehemann, Immobilienmakler?!

Held zu sein, ist offensichtlich kein Vollzeitjob: Neben dem üblichen Monsterverkloppen bleibt uns stets noch genug Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leden – wie beispielsweise einen Hühnertritt-Wettbewerb. Wenn wir das Geflügel am weitesten treten und dabei auch noch das richtige Feld treffen, bekommen wir einen stylischen Hühnerhut als Belohnung. Das sind Momente, in denen ich den Humor von Fable sehr gerne mag. Dafür kann mir beispielsweise das Furz-Emote herzlich gestohlen bleiben. Wenn wir auf unseren Reisen genug Gold gesammelt haben, können wir damit insgesamt fünf Häuser erwerben und diese vermieten, was uns dauerhaft Geld in die Kassen spült. Unsere Immobilien können wir auch gegen Geld aufwerten und Trophäen unserer gewonnenen Schlachten in ihnen platzieren, wodurch sie noch ertragreicher werden.

Hängen wir Trophäen in unseren Häusern auf, bringt uns das höhere Mieten ein.

Häuser erfüllen aber noch einen anderen Zweck: Wir können dort mit unserem Ehepartner einziehen. Zumindest in der Theorie. Für diese Rezension habe ich Lady Grey, die Bürgermeister von Bowerstone geheiratet, doch diese wollte partout nicht mit in meine Bude kommen. Um jemanden zu heiraten, muss die Person unsere Spielfigur attraktiv finden. Ein paar Geschenke, Flirtversuche per Emote und einen Ehering später und schon steht der Heirat nichts mehr im Weg. Wir kommunizieren übrigens wirklich nur mit Emotes, denn unsere Figur ist stumm und verliert auch in Textform kein Wort. Stattdessen quatschen die wichtigen Charaktere in Monologen vor sich hin, ein Nicken ist hier noch der größte Redebeitrag unserer Spielfigur. Das finde ich bedauerlich, denn Dialoge gehören für mich zu einem Rollenspiel einfach dazu.

Motivierendes Skillsystem

Unser Held kann auf allerlei Waffen und Zauber zurückgreifen. Nah- und Fernkampfutensilien können in Kisten beziehungsweise bei besiegten Gegnern gefunden oder alternativ bei Händlern erworben werden, Zaubersprüche schalten wir mit Erfahrungspunkten frei. Tote Feinde lassen grüne Erfahrungspunkte fallen, die wir aufsammeln können, bevor sie verschwinden. Davon abgesehen gibt es noch rote, gelbe und blaue Erfahrung, die Nahkampf, Fernkampf und Magie repräsentieren. Dementsprechend existieren auch drei Skillbäume, die dem jeweiligen Spielstil entsprechen. Ein Magier kauft seine neuen Zaubersprüche beispielsweise mit blauer Erfahrung und wenn diese aufgebraucht ist, können wir auf die allgemeine grüne Erfahrung zurückgreifen. Ein nettes Extra: Die Skills wirken sich auch auf das Aussehen unseres Helden aus. Wenn ich beispielsweise die Fähigkeit »Körperbau« verbessere, werden nicht nur meine Werte verändert, stattdessen legt meine Spielfigur auch sichtlich an Muskeln zu. Insgesamt hat mich das Skillsystem durchgehend motiviert und gehört zweifelsohne zu den besten Aspekten des Spiels.

Hier führen wir gerade einen besonders starken Angriff gegen einen feindlichen Magier aus.

Die Kämpfe konnten mich jedoch weniger überzeugen, denn die sind ziemlicher Genre-Standard. Wir bekommen es meist mit nicht allzu intelligenten Gegnern zu tun, bei denen das Hämmern auf die Angriffstaste völlig ausreichend ist; Bossgegner erfordern gelegentlich Ausweichrollen oder den Einsatz von Fernkampfwaffen oder Magie, aber auch das ist alles noch absolut machbar. Mit der Anniversary Editiion erhält erstmals ein zweiter Schwierigkeitsgrad Einzug ins Spiel, der für Profis gedacht ist. Mit den Standardeinstellungen haben halbwegs erfahrene Spieler kein Problem. Ich bin während meines Spieldurchlaufs nur einmal gestorben und das lag daran, dass ich vergessen hatte, dass es in diesem Spiel Heiltränke gibt.

Nicht mehr zeitgemäße Präsentation

Grafisch setzt Fable setzt auf einen – zumindest in der Theorie – stimmigen Comic-Look, den man wohl mit World of Warcraft vergleichen könnte. Das passt zu einem Spiel, das sich nicht immer bierernst nimmt. Generell gefällt mir die Gestaltung der Welt gut. Die Wälder und Wiesen sind hübsch anzusehen und erschaffen eine Umgebung, in der man sich schnell wohl fühlt. Die Gebiete sind jedoch arg klein ausgefallen, was zu vielen Ladezeiten führt. Ich will keineswegs fordern, dass jedes Spiel eine Open World einbaut, aber Fable wirkt in dieser Hinsicht etwas beengt. Schlimmer noch sind jedoch die Menüs, die furchtbar verschachtelt sind und offenbar nicht für PCs konzipiert wurde. Wo wir gerade schon beim Thema sind: Wer hat sich diese Steuerung ausgedacht? Ich meine ja nur: Sprinten auf der rechten Maustaste?! Zum Glück können wir die Bedienung frei anpassen.

Magier dürfen auf eine ganze Reihe an Zaubersprüchen zurückgreifen.

Die Anniversary Edition hat optisch im Vergleich zum Original noch einmal einiges herausgeholt: Texturen sinds chärfer, Effekte knalliger und das Spiel insgesamt farbenfroher. Trotz dieser löblichen Überarbeitungen sieht Fable Anniversary aber auch schon nach den Maßstäben des Jahres 2014 optisch veraltet aus. Das liegt zu einem erheblichen Teil an den manchmal geradezu lachhaft schlechten Animationen und den vielen Klon-Charakteren. Auch die seltsamen schwarzen Ränder in den Zwischensequenzen sehen extrem billig aus. Dazu kommen noch die bereits angesprochenen schlechten Synchronsprecher. Immerhin ist der Soundtrack durchaus gelungen.

Umfang und DLC-Politik

Für diese Kritik habe ich das Spiel noch einmal im Schnelldurchlauf abgeschlossen und dabei schätzungsweise ein Drittel aller Nebenquests mitgenommen. Meine Spielzeit belief sich insgesamt auf genau zehn Stunden. Wer ausnahmslos alle Aufgaben erfüllt – von denen es aber gar nicht so viele gibt –, dürfte auf die doppelte Spielzeit kommen. Das ist nach Rollenspiel-Maßstäben zwar immer noch recht wenig, allerdings noch verschmerzbar, zumal die Quests sehr abwechslungsreich sind: Von Schatzsuchen über Arenakämpfen bis hin zu Rennen ist alles dabei, wodurch auch die eher mittelmäßigen Kämpfe nur wenig ins Gewicht fallen.

Ab und an den Bogen zu zücken, lohnt sich auch für Nahkämpfer.

Nicht unerwähnt bleiben sollten außerdem die DLCs für Fable Anniversary. Es gibt auf Steam insgesamt zwei Zusatzinhalte zu kaufen, einmal das »Scythe Content Pack« für zehn Euro und dann noch das »Heroes and Villains Content Pack« für 15 Euro. Gekauft habe ich mir keines von beiden, denn hier gibt es jeweils nur ein paar neue Outfits und Waffen. Dafür sind mir die Preise erheblich zu teuer. Davon einmal abgesehen: Nennt mich ruhig altmodisch, aber ich erwarte ehrlich gesagt, dass in einer Jubiläumsedition alle Zusatzinhalte von Anfang an mit inbegriffen sind. Nett ist wiederum, dass wir über den Steam Workshop Mods herunterladen können.

Fazit

Die Präsentation ist trotz spürbar aufgehübschter Grafik nicht mehr zeitgemäß, auch die Menüs und die Steuerung sind viel komplizierter, als sie sein müssten. Nicht zuletzt handelt es sich bei der Geschichte lediglich um Mittelmaß. Dafür kann das Spiel mit einem spaßigen Skillsystem, einer hübsch gestalteten Spielwelt sowie nettem Humor punkten.

Gespielte Version: Anniversary Editon – Plattform: Steam – Spielzeit: 10 Stunden

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