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Warum mich das schlechteste Sportspiel aller Zeiten fasziniert

Wer gleichzeitig Fan von Fußball und PC-Spielen ist, hatte in letzter Zeit nicht viel zu lachen. eFootball 2022 war eine einzige Katastrophe und der ewige Konkurrent FIFA bleibt auf dem PC weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Trotzdem sage ich dazu: Das sind Luxusprobleme! Denn immerhin gibt es in regelmäßigen Abständen Fußballspiele, die teilweise auch wirklich gut sind.

Ich gehöre allerdings zu den Leuten, die Fußball in etwa so interessant finden, wie Gras beim Wachsen zuzusehen. Wer – wie ich – zu Randsportarten tendiert, schaut im Gaming-Bereich meistens in die Röhre. Konkret hat es mir eine Sportart namens »Strongman« angetan. Der Name mag euch nichts sagen, aber ihr habt doch bestimmt schon einmal diese Bekloppten im Fernsehen dabei beobachtet, wie sie Lastkraftwagen ziehen und Steine durch die Gegend schleppen. Seit 2021 gehöre auch ich zu eben diesen Bekloppten und fahre auf Wettkämpfe in der ganzen Bundesrepublik, um dort zumeist auf den hinteren Plätzen zu landen. Nur: Was soll man als Kraftsportbegeisterter denn auf seinem heimischen Rechenknecht spielen?

Durch Zufall bin beim Lesen von alten Ausgaben der legendären PC Player auf ein Spiel namens Full Strength Strongman Competition gestoßen, das im Jahr 2000 veröffentlicht wurde und eben diesen verrückten Sport abbilden möchte. Leider ist das Spiel schlecht. Also wirklich richtig grottig schlecht. Ride to Hell: Retribution wirkt im Vergleich wie ein Meisterwerk sondergleichen. PC-Player-Tester Roland Austinat vergibt eine Wertung von sagenhaft miesen 16% (ihr findet das betreffende Heft 06/2000 auf pcplayer.de). Danach habe ich auch dem GameStar-Archiv einen Besuch abgestattet und siehe da: Michael Galuschka (heute Orth) testet in der Ausgabe 06/2000 ebenfalls Full Strength Strongman Competition und zückt eine Wertung von 12 Punkten. Autsch. Zum Glück besitze ich eine morbide Kuriosität für schlechte Software! Im folgenden Artikel möchte ich das Spiel analysieren und erklären, warum ich es trotz seiner unterirdischen Qualität enorm spaßig finde. Es wird nerdig. Ihr wurdet gewarnt.

Star-Lineup in hässlichem 3D

Bereits im Hauptmenü werde ich mit ersten Indizen für die Qualität des Spiels konfrontiert. Bei jedem Mausklick ertönt ein verbissenes »Uh« oder »Ah«, was wohl irgendwie cool klingen soll, aber mir schon nach kurzer Zeit enorm auf den Geist ging. Ich kann aus erster Hand bestätigen, dass wir Strongmen gerne dumme Geräusche von uns geben, aber so dumm dann auch wieder nicht. Full Strength Strongman Competition ist im Grunde ein 2D-Sidescroller mit selbst für die damalige Zeit nicht sonderlich hübschen 3D-Modellen. Das Spiel lässt uns aus insgesamt acht Athleten wählen, darunter bekannte Gesichter wie den viermaligen »World’s Strongest Man«-Gewinner Magnús Ver Magnússon oder Heinz Ollesch, seines Zeichens zwölffacher stärkster Mann Deutschlands und damit der erfolgreichste deutsche Strongman aller Zeiten.

Unter den Athleten treffen wir auf manch ein bekanntes Gesicht.

Leider unterscheiden sich die Athleten nur in ihren Texturen, unterschiedliche Kraftwerte gibt es nicht. Kurios: In Sachen Athleten scheint das Spiel die mittleren 90er abzubilden, was in Anbetracht des Erscheinungsjahrs 2000 enorm seltsam ist. Das ist in etwa so, als würdet ihr euch FIFA 22 kaufen und die Kader von 2016 bekommen. Dementsprechend vermissen Kenner des Sports auch die Top-Athleten der späten 90er in diesem Spiel, darunter Magnus Samuelsson und Jouko Ahola. Dafür hat es der dreimalige stärkste Mann Europas, Riku Kiri aus Finnland, ins Spiel geschaftt. Roland Austinat von der PC Player kommentierte dies wie folgt: »Kennen Sie Riku Kiri? Der ist nicht etwa der Bruder von Hara Kiri, sondern ein Schwergewichtler, der sein Geld mit bizarren Kraftmeiereien verdient.«

Tasten-Gehämmere und gelungene Ansätze

Aber was sind diese bizarren Kraftmeiereien denn genau? Das Spiel lässt uns aus acht mal mehr, mal weniger bekannten Strongman-Disziplinen wählen. Da wäre etwa das eingangs erwählte LKW-Ziehen (»Truck pull«). Hier wird jedem Athleten ein Geschirr angelegt, das per Seil mit einem Lastkraftwagen verbunden ist. Dieses Fahrzeug (das meist irgendwo zwischen zehn und 20 Tonnen wiegt) muss nun in der schnellsten Zeit über eine vorgebene Strecke gezogen werden. Unsere Aufgabe als Spieler besteht allerdings lediglich darin, die Tasten »Z« und »C« abwechselnd möglichst schnell zu drücken. Das ist anspruchslos, lässt mich extrem dumm aussehen und hat die Lebensdauer meiner Tastatur um mindestens ein paar Jahre verkürzt.


Hier bewegen wir den Truck bloß mit einem Harnisch, heutzutage haben wir meist noch ein Seil in den Händen, um auch mit den Armen ziehen zu können.

Dabei ist mir ebenfalls aufgefallen, dass die Animationen in diesem Spiel furchtbar sind. Die Beinbewegungen meines Athleten erinnern mich ziemlich stark daran, wie Mr. Krabs aus »Spongebob« läuft. Positiv anzumerken ist aber: Prinzipiell liegt das Spiel hier gar nicht so falsch. Es ist beim LKW-Ziehen in der Tat wichtig, einen konstanten Rhythmus zu finden. Full Strength Strongman Competition setzt diese Idee zwar furchtbar um, aber die Intention ist da.

Die Atlas Stones

Nächste Disziplin! Auch die ikonischen »Atlas Stones«, also runde Steinkugeln, die vom Boden auf ein Podest gehoben werden müssen, haben es ins Spiel geschafft. Nur besteht hier die Herausforderung ausschließlich darin, die Kügelchen zur Plattform zu schleppen. Das tatsächliche Heben auf das Podest läuft danach automatisch ab. Diese sogenannten »Run-ins« waren gerade in den 90ern durchaus populär, aber über viel kürzere Distanzen, als es im Spiel der Fall ist. Auch hier kommen wieder die beiden Tasten Z und C zum Einsatz, weil wir mit dem Stein die Balance halten müssen. In der Theorie zumindest, denn wie GameStar-Tester Mikkl Galuschka anmerkt: »Beim Felsbrocken-Schleppen macht man am besten gleich gar nichts, um überhaupt eine reelle Chance zu haben.« Wenn wir nämlich gar nichts tun, rennt unser Strongman ganz automatisch und der Stein fällt auch nie zu Boden. Das läuft dem Sinn eines Spiels also komplett zuwider.


Drei Steinkugeln wollen bis auf das Podest am Ende der Strecke getragen werden.

Immerhin wird hier aber ein interessantes Thema angeschnitten: Verletzungen. Wenn der Stein nämlich durch unser Einwirken zu Boden fällt, landet er auf dem Fuß unserer Spielfigur. Diese springt daraufhin kurz einbeinig durch die Gegend, bevor sie sich wieder der Disziplin zuwendet. Das ist zwar unrealistisch, denn wenn euch eine 150 Kilogramm schwere Kugel auf die Treter fällt, geht ihr garantiert so schnell nirgendwo mehr hin, aber Verletzungen kommen in unserem Sport durchaus häufig vor. In dieser konkreten Disziplin führen zu hohe Plattformen gelegentlich dazu, dass eine Kugel auf den Athleten fällt.

Der Show Girl Lift

Eine weitere Disziplin möchte ich an dieser Stelle noch ausführlich besprechen, nämlich den »Show Girl Lift«. Hierbei handelt es sich um eine Kniebeuge, aber nicht mit einer freien Langhantel. Stattdessen müssen die Athleten eine Plattform beugen, auf der einige leicht bekleidete Damen sitzen, die als Gewicht dienen. Das hat einen historischen Hintergrund: In der Anfangszeit des »World’s Strongest Man«-Wettkampfs wurde diese Disziplin erstmals benutzt, in den 90ern meines Wissens nach aber schon lange nicht mehr. Wohl auch deshalb, weil man wohl irgendwann zu der Erkenntnis kam, dass es vielleicht keine übermäßig tolle Idee ist, Frauen derart zu objektifizieren. Heutzutage benutzen wir zwar immer noch gerne Menschen als Gewichte, aber dann in normaler Kleidung.


Nicht zuhause nachmachen! Hier führen wir Kniebeugen mit einigen Damen als Gewicht aus.

Konkret müssen wir im Spiel rechtzeitig die Leertaste drücken, um die Kniebeuge auszuführen. Das ist erheblich weniger nervig als das ewige Z/C-Gehämmere in den anderen Disziplinen und auch hier steckt ein wahrer Kern drin: Beim Kniebeugen auf Wiederholungen ist es essenziell, einen stetigen Takt zu entwickeln und den Rückstoß am unteren Ende mitzunehmen.

Die übrigen Disziplinen

Außerdem dürfen wir noch folgende Disziplinen bestreiten: Das Yoke (deutsch: Joch), den Reifenwurf auf Distanz, den Fass-Hochwurf, den Farmer’s Walk und das Auto-Rollen. Prinzipiell ist das keine verkehrte Zusammenstellung, allerdings fehlen mir hier persönlich einige ikonische Disziplinen wie das Baumstammstemmen und das Kreuzheben. Wir können die Disziplinen aber nicht nur einzeln im Übungsmodus spielen, sondern auch als ganzen Wettkampf. Hier treten wir gegen fünf Kontrahenten an und wer nach den acht Disziplinen die meisten Punkte hat, gewinnt.


Mit jeder Disziplin sammeln wir Punkte, die am Ende addiert werden und den Gesamtsieg entscheiden.

Punkte werden in Strongman-Wettkämpfen folgendermaßen vergeben: Der Erstplatzierte erhält so viele Punkte, wie es Teilnehmer gibt, in unserem Fall also sechs. Der Zweitplatzierte nur noch fünf, der Dritte vier und so weiter. Dass das Spiel hier die Realität akkurat wiedergibt, finde ich sehr löblich. Außerdem entstehen wie im echten Leben Situationen, in denen man sich denkt: »Ich könnte insgesamt noch gewinnen, aber ich muss dafür in der nächsten Disziplin jetzt richtig gut sein«, was für Spannung sorgt.

Vernichtende Testurteile

Aber auch das rettet Full Strength Strongman Competition letztendlich nicht davor, ein schlechtes Spiel zu sein. Ich zitiere hier mal die Fazits der zeitgenössischen Tester, weil ich sie sehr treffend finde. Mikkl Galuschka schreibt: »Wer es mit diesem Superschrott länger als drei Sekunden aushält, ist entweder Muskel-Fanatiker oder schwer gedopt. Unser Urteil: lebenslange Verkaufssperre.« Roland Austinat bringt seine Begeisterung folgendermaßen zu Papier: »In meinen knapp sieben Jahren bei PC Player habe ich schon so manchen Schotter gesehen. Aber an die Full Strength Strongman Competition kommt so schnell nichts ran.«


Das Yoke Race ist in diesem Spiel ein Slalomlauf. Wirkt komisch, hat aber einen historischen Hintergrund.

Hier muss ich dem Kollegen Austinat aber auch ein wenig auf die Finger hauen, denn er schreibt weiterhin: »Ich fürchte nur, die [Realfilm-]Szenen aus dem Intro waren nicht gestellt: Solche hirnverbrannten Gladiatorenspiele scheint es in entlegenen Winkeln der Erde noch wirklich zu geben«. Tatsächlich ist Strongman in Europa und Nordamerika am populärsten, wo der Sport gerade in den letzten Jahren auch rasant gewachsen ist. Wir sind mittlerweile sogar an dem Punkt, dass wir Wettkämpfe in berühmten Arenen wie der Royal Albert Hall abhalten, die von tausenden Zuschauern besucht werden. Dass man angesichts der Qualität dieses Produkts aber gewisse Vorurteile entwickelt, kann ich niemandem ernsthaft verübeln. Dennoch lohnt es sich, besagte Vorurteile dann und wann abzulegen. Besonders im Fall dieser zugegebenermaßen sehr seltsamen, aber auch tollen Sportart.

Abschließende Gedanken

An und für sich reden wir zwar über ein fürchterliches Spiel, aber auch über eines, für das ich persönlich sehr viel Sympathie empfinde. Wie damals in der Schule, als ihr einen eigentlich grausigen Vortrag gehalten habt, eure Freunde ihn aber trotzdem ganz toll fanden. Ich bin einfach froh, ein Spiel zu haben, das versucht, meinen geliebten Sport umzusetzen, auch wenn es krachend daran scheitert. Und nicht zuletzt hat es mich zum Nachdenken angeregt. Das ewige Z/C-Hämmern ist zwar unbeschreiblich nervig, aber hat das Medium seitdem eigentlich Fortschritte darin gemacht, körperliche Anstrengung zu simulieren? Nicht wirklich.

Heutzutage würde so etwas in Quick-Time-Events ausgelagert werden, die meist entweder anspruchslos, unbeabsichtigt komisch (»press F to pay respect«) oder beides sind. Ein Beispiel hierfür ist olympisches Gewichtheben, das wir öfter in Spielen sehen als Strongman. Hier werden sogar die Regeln der Sportart ignoriert (Drücken ist explizit nicht erlaubt), damit die Entwickler krampfhaft noch ein QTE einbauen konnten. Sportarten wie Fußball lassen sich in dieser Hinsicht besser umsetzen, weil sich Videospiele in der Regel mehr auf die übergreifende taktische Komponente konzentrieren können und weniger auf den einzelnen Spieler.

Hier müsste man wohl andere Eingabegeräte einsetzen als Tastaturen und klassische Controller. Die Wii konnte Anstrengung beispielsweise deutlich besser transportieren. Wer – wie ich – stundenlang leidenschaftlich den Schwertkampf in Wii Sports Ressort gespielt hat, der erinnert sich garantiert noch an den darauf folgenden Muskelkater in der Schulter. Auch Virtual Reality halte ich in diesem Zusammenhang für sehr spannend. Normalerweise könnte mich das Thema nicht weniger interessieren, aber für eine Umsetzung meines Lieblingssports würde ich mir die entsprechende Hardware ohne zu zögern kaufen. Dafür könnte ich mich auch mit den einen oder anderen seltsamen Geräuschen im Hauptmenü anfreunden.

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