Gerda: A Flame in Winter im Test: Eine andere Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg

Der Bauernhof unweit des kleines dänischen Dörfchens Tinglev ist ganz und gar mit einer dicken Schneeschicht überzogen. Unsere Protagonistin, Gerda Larsen, trotzt entschlossen den eisigen Temperaturen, während hinter ihr die hinabfallenden Schneeflocken in Sekundenschnelle ihre Fußabdrücke bedecken und damit jedes Anzeichen begraben, dass einst ein Mensch diesen Pfad beschritten hatte. Die Szenerie könnte so auch aus einem Werk der berühmten dänischen Skagen-Maler stammen und strahlt eine unbestreitbare Schönheit aus. Während Gerda nach Vorratskisten sucht, die von den Briten abgeworfen wurden, um den örtlichen Widerstand zu unterstützen, bringt ihr roter Schal ein wenig Farbe ins allgegenwärtige Weiß, fast schon wie … eine Flamme im Winter. Doch die eisige Idylle währt nicht lange. Schüsse erklingen in der Distanz. Schüsse, die das Spiel nur äußerst selten einsetzt. Schüsse, die genau aus diesem Grund eine ganz besondere Wirkung entfalten. So viel vorweg: Gerda: A Flame in Winter ist kein gewöhnliches Spiel. Aber auch eines, bei dem wir zuweilen ein Auge zudrücken müssen.

Allein im Winter

Bevor es zu der eingangs beschriebenen Szene kommt, vergeht aber erst einige Zeit. Die Geschichte wird über einen Zeitraum von fünf Tagen erzählt und beginnt am 02. Februar 1945. Eigentlich führen Gerda Larsen, zur Hälfte Dänin und Deutsche, und ihr Mann Anders ein geruhsames Leben auf ihrem Hof im Tinglev. Gerda arbeitet als Krankenschwester in der örtlichen Arztpraxis, während Anders seinen Lebensunterhalt als Mechaniker bestreitet. Das denkt Gerda zumindest.


Der leichte Schneefall, das Eis an den Bildschirmrändern – Gerda ist sehr atmosphärisch.

Denn insgeheim ist Anders ein Mitglied des Widerstands gegen die Nazi-Besatzer und wird eines Tages festgenommen, weil er eine Bombe in der hiesigen Fabrik gezündet hat. Natürlich setzt Gerda alles daran, ihrer geliebten Ehemann aus dem Gefängnis zu befreien. Das kann sie jedoch unmöglich alleine bewerkstelligen, sondern muss sich entscheiden, an wen sie sich wendet: An den gutherzigen Pastor Jacob? An den dänischen Widerstand? Oder vielleicht doch eher an den zwielichtigen deutschen Soldaten Reinhardt? Natürlich helfen all diese Personen Gerda nicht umsonst, sondern fordern Gegenleistungen – und was der einen Gruppe zugutekommt, schadet wiederum der anderen.

Adventure trifft auf Rollenspiel

Wir steuern Gerda aus der Iso-Perspektive und schicken sie entweder per Tastatur oder mit der Maus durch die kleinen Areale. Wie in einem Point-and-Click-Adventure heben wir Gegenstände auf, stellen Beobachtungen an und sprechen mit den Einwohnern von Tinglev. Interessante Dinge werden jedoch mit einer kleinen roten Markierung gekennzeichnet, sodass wir nicht mühsam jeden einzelnen Pixel absuchen müssen, wie es in manch anderem Genrevertreter der Fall ist. Aufgesammelte Objekte oder Informationen, die wir in Erfahrung bringen konntet, helfen uns wiederum in den unzähligen Dialogen, die mit Entscheidungen gespickt sind. Wir sammeln nicht nur Vertrauen bei den vier großen Fraktionen im Spiel – den Dänen, den Deutschen, den Besatzern und dem Widerstand –, sondern auch bei einzelnen Figuren. Beklagen wir uns beispielsweise über die Nazis, steigert sich unser Vertrauen beim Widerstand um einen Punkt, dafür büßen wir bei den Besatzern aber etwas ein. Wichtig: Damit das passiert, muss kein Mitglied der jeweiligen Gruppe anwesend sein. Das ergibt teilweise keinen logischen Sinn, lässt uns aber stets behutsam agieren.


Manche Dialogoptionen sind ausgegraut, wenn ihr nicht die entsprechenden Gegenstände besitzt.

Nun gilt es abzuwägen: Gestapo-Mann Stahl mag menschlich äußerst fragwürdig sein, aber vielleicht erweist es sich später als nützlich, wenn wir mit ihm kooperieren? Generell sollten wir bei allen Fraktionen und den wichtigsten Figuren einen Fuß in der Tür haben, denn Vertrauen schaltet erst gewisse Gesprächsoptionen und Ereignisse frei. Apropos Gesprächsoptionen: Ob einige unserer Antworten den jeweiligen Gesprächspartner überzeugen, hängt unter anderem auch mit unserem Würfelglück zusammen. Das Spiel teilt uns zwar mit, ob eine Aussage beispielsweise »leicht« oder »herausfordernd« ist, konkrete Wahnscheinlichkeiten gibt es aber nicht.

Lebt mit den Konsequenzen!

Wenn ihr perfekt spielen wollt, kann das zuweilen etwas frustrierend sein, denn es gibt keine Option zum freien Speichern. Das Spiel speichert stattdessen automatisch, wenn wir nach einem abgeschlossenen Areal zur »Weltkarte« zurückkehren. Dann rekapituliert Gerda das Erlebte in ihrem Tagebuch, wobei wir das Ende des jeweiligen Eintrags aus drei Auswahlmöglichkeiten festlegen können. Damit nehmen wir nicht nur eine moralische Wertung vor – Symphatisiert Gerda mit den Widerständlern? Zeigt sie Verständnis für die Situation der deutschen Soldaten? Ist sie mit ihren Handlungen zufrieden? –, sondern wir erhalten auch einen zusätzlichen Punkt in einer der drei Kategorien »Mitgefühl«, »Auffassungsgabe« und »Scharfsinn«. Mit diesen werden wiederum neue Dialogoptionen freigeschaltet.


Abhängig davon, welches Ende ihr für eure Tagebucheinträge nehmt, steigert sich euer Wert in einer der drei Kernfähigkeiten.

Dass wir nicht frei speichern können, ergibt innerhalb der Erzählung auch komplett Sinn – Gerda muss die Konsequenzen ihrer Entscheidungen tragen –, dürfte experimentierfreudigen Spielern aber vor den Kopf stoßen. Nach dem Abschluss der Geschichte können wir zwar an den Beginn einzelner Tage zurückkehren, was aber nur ein geringer Trost ist, weil ein Tag gut und gerne 30 bis 60 Minuten Spielzeit umfassen kann. Abseits dieser kleineren Kritikpunkte haben mich die Entscheidungen und Dialogoptionen aber überzeugt, zumal sich die Schreibe auf einem hohem Niveau bewegt: Die Figuren sind gut ausgearbeitet, was sich auch darin zeigt, dass ihr für die wichtigsten 18 Charaktere jeweils mehrere Geheimnisse in Erfahrung bringen könnt. Abziehbildchen gibt es selbst bei den Nazis nur sehr wenige.

Berührende Story mit Wiederspielwert

Die Geschichte an sich kann ebenfalls überzeugen und gewährt uns einen tiefen Einblick in die Psyche von Gerda: Verliert sie ihre Persönlichkeit in ihrer Bestrebung, Anders zu retten? Wie weit ist sie bereit zu gehen, um ihr Ziel zu erreichen? Dabei verfällt das Spiel nie in Effekthascherei, sondern erzählt eine zutiefst persönliche Geschichte, an deren Ende wir wirklich das Gefühl überkommt, etwas bewegt zu haben. Im Abspann wird uns außerdem mitgeteilt, wie wir die Leben der Hauptfiguren beeinflusst haben und wie andere Spieler an den wichtigsten Stellen entschieden haben.


In der Dorfübersicht wählt ihr euch nächstes Ziel aus – ihr könnt aber nicht alle Gebiete innerhalb eines bestimmten Zeitraums besuchen und müsst euch oft entscheiden.

Eben diese Entscheidungsfreiheit sorgt für einen hohen Wiederspielwert und rechtfertigt auf jeden Fall mindestens noch einen zweiten Durchlauf. Das ist auch durchaus wichtig, denn im Test hatte ich Gerdas Geschichte bereits nach fünfeinhalb Stunden abgeschlossen. Somit fällt die Spielzeit verhältnismäßig gering aus.

Niedriges Budget nicht immer gut kaschiert

Doch nicht alles ist so gelungen wie die Handlung. Das wohl größte Problem des Spiels ist, schöner Grafikstil hin oder her, seine Präsentation. Lediglich Gerdas Tagebucheinträge sind vertont – und auch nur auf Englisch –, im Rest des Spiels findet ihr also keine Sprachausgabe. Immerhin ist die deutsche Übersetzung gelungen und der subtile Klaviersoundtrack unterstreicht angenehm die Atmosphäre. Die stocksteifen und spärlich eingsetzten Animationen sind jedoch die Achillesverse des Spiels. Beispiel: An einer Stelle wird ein brutales Handgemenge zwischen einem Wehrmachtssoldaten und einem Widerständler beschrieben. In der Praxis erinnert die Szene aber eher an zwei Rentner, die eine Partie Schere, Stein, Papier spielen. Da muss die eigene Fantasie schon wirklich große Löcher füllen.


Die Gebiete wie der Bahnhof sind schön gestaltet, aber auch recht klein ausgefallen.

Ebenfalls suboptimal sind die Kamerawinkel, die teilweise etwas zu steil ausgefallen sind, worunter die Übersicht leidet und weshalb sich nur selten schöne Landschaftspanoramen ergeben. Beim Herumlaufen und Untersuchen der hervorgehobenen Gegenstände zeigt sich dann auch, dass abseits der Entscheidungen in den Dialogen kaum substanzielle Spielsysteme existieren. Das hat mich zwar nicht gestört, ihr solltet aber dennoch kein forderndes Abenteuer erwarten.

Das Problem mit der Flagge

Ein Aspekt des Spiels hat mich allerdings besonders verdutzt zurückgelassen: Die Portraits aller Deutschen – auch die der Nazis – sind mit der schwarz-rot-goldenen Flagge der Bundesrepublik Deutschland beziehungsweise der Weimarer Republik geschmückt. Dabei wurde diese von den Nationalsozialisten verhasste Flagge bereits 1933 entfernt und erst 1949 wieder angenommen.


Ihr könnt die Geheimnisse der wichtigsten Figuren ergründen, welche dann in eurem Tagebuch abgespeichert werden.

Dass die Entwickler nun die schwarz-rot-goldene Flagge verwenden, ist eine ausgesprochen seltsame Entscheidung, da Hakenkreuze im Spiel ohnehin auftreten und das Spiel sonst sehr auf historische Authentizität bedacht ist. Das wird nirgendwo deutlicher als in den vielen freischaltbaren Hintergrundberichten, in denen beispielsweise die Foltermethoden der Gestapo thematisiert werden. Trotz dieser unschönen Ungereimtheit ist Gerda: A Flame in Winter dennoch insgesamt ein gutes Adventure, das mich auf die eine oder andere Art noch für einige Zeit beschäftigen wird.

Gerda: A Flame in Winter: Spielerisch bietet Gerda: A Flame in Winter, bis auf die durchaus klugen Auswahlmöglichkeiten in den vielen Dialogen, nur sehr wenig Substanz. Das ist für mich jedoch nur ein kleines Problem, denn auf erzählerischer Ebene konnte mich die Erzählung rund um die deutsch-dänische Krankenschwester überzeugen – nur die Verwendung der schwarz-rot-goldenen Flagge ist fragwürdig. modugames

7.5
von 10
2022-09-20T13:32:49+0200

Plattform: Steam – Spielzeit: 7 Stunden

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