Gothic 2 & Die Nacht des Raben im Test: Eine fast perfekte Fortsetzung

Nun denn, ich bin endlich bei Gothic 2 angelangt – bei einem der (zumindest im deutschen Raum) anerkannt besten Rollenspiele aller Zeiten. Ich habe mehr als 40 Stunden auf Khorinis verbracht, habe reihenweise Monster verdroschen und wurde mindestens ebenso viel selbst verdroschen, habe wunderschöne Landschaften erkundet und viel geflucht. In der Theorie kann ich nun absolut nachvollziehen, warum Gothic 2 seinen Ruf als großartiges RPG erhalten hat. Für mich persönlich ist der zweite Teil der Gothic-Serie jedoch immer noch kein Meisterwerk. Das hat mehrere Gründe.

Eine unfokussierte Geschichte

Nachdem wir am Ende des ersten Teils den Schläfer besiegt haben, ist unser namenloser Held mehrere Wochen lang unter Geröll vergraben. Schließlich gelingt es dem Magier Xardas jedoch, uns aufzuspüren und in seinen Turm zu teleportieren. Unser Held ist nun so sehr geschwächt, dass er alle seine Fähigkeiten verloren hat. Im folgenden Gespräch klärt uns Xardas über den Stand der Dinge auf: Die Barriere ist gefallen, Orks wollen die Stadt Khorinis angreifen, die Drachen sind zurückgekehrt, wir müssen ein magisches Artefakt finden. Diese Sequenz ist jedoch ein furchtbarer, wie man im Englischen sagen würde, exposition dump, dem ich nach der Hälfte schon nicht mehr folgen wollte.


Vier Drachen machen das Minental unsicher. Da lässt der namenlose Held nicht lange auf sich warten!

Da lobe ich mir den ersten Teil, der uns kurz und bündig seine Ausgangslage vermittelt und meiner Meinung nach auch die beste Geschichte der Reihe erzählt. Wenn es eine Sache gibt, die Gothic 2 schlechter macht als sein Vorgänger, dann ist es der Umstand, dass es bei weitem nicht so fokussiert ist. In Teil zwei erkunden wir nämlich drei unterschiedliche Gebiete: die Insel Khorinis, das Minental und Jharkendar (die Ruinen einer untergegangenen Zivilisation). Als ich etwa zur Hälfte des Spiels Jharkendar freigeschaltet hatte, erreichte meine Motivation einen Tiefpunkt. Ich wollte wissen, wie die Hauptgeschichte weitergeht, und nicht noch einmal ein neues Gebiet von Grund auf erschließen müssen.

Wunderbare Landschaften

Von den negativen Folgen für die Erzählung einmal abgesehen halte ich die Landschaften jedoch für eine der größten Stärken des Spiels. Bei Gothic 1 hatte ich noch bemängelt, dass mir das Minental optisch zu langweilig sei. Diese Kritik ist nun passé. Gerade die Insel Khorinis sieht nach den Maßstäben eines Spiels aus dem Jahr 2002 wirklich fantastisch aus. Schöner als mein geliebtes Myrtana aus Gothic 3? So weit würde ich dann doch nicht gehen. Dennoch haben es mir die dichten Wälder, saftigen Wiesen und spektakulären Felsformationen wirklich angetan. Besonders gut haben mir die vielen Bauernhöfe in Khorinis gefallen – das Spiel versprüht eine wunderbar idyllische Atmosphäre.


Bauern verrichten Feldarbeit, hüten Schafe und lassen die Spielwelt insgesamt lebendiger wirken.

Zumal es in den Welten von Gothic 2 auch wirklich viel zu entdecken gibt. In der Höhle dort drüben liegen magische Spruchrollen, dort unterm Baum findet man einen Heiltrank und auf dem Berg entdecken wir antike Steintafeln. Auch allgemein bietet Gothic 2 mehr Quests als der Vorgänger, die auch noch fast alle abwechslungsreich sind und der Welt viel Leben einhauchen. Natürlich werden die Gebiete aber auch von reihenweise Gegnern bevölkert – was mich zu einem der Aspekte des Spiels bringt, die ich etwas kritischer sehe.

Der K(r)ampf mit der Steuerung: Teil 2

Dazu müsst ihr wissen, dass in Sachen Steuerung und Kampfsystem das meiste beim Alten bleibt. Neu ist hingegen in Gothic 2, dass wir auf Wunsch mit unserer Maus spielen dürfen. Diese Steuerungsoption habe ich jedoch schnell wieder abgeschaltet. Betätigen wir nämlich die linke Maustaste, können wir zwar immer noch den Angriff nach vorne ausführen, die seitlichen Schläge entfallen aber. Da die Links-Rechts-Hiebe aber einen integralen Spielbestandteil von Gothic darstellen, bin ich schnell wieder zur reinen Tastatursteuerung des ersten Teils zurückgewechselt. Diese Option bietet das Spiel dankenswerterweise an.


Wie auch im Vorgänger wischen Orks mit uns anfangs noch den Boden auf. Wenn wir mit Ritterrüstung wiederkommen, sieht die Sache schon anders aus.

Mehr noch als im Vorgänger sind mir in Gothic 2 einige der Steuerungsdefizite aufgefallen. Die ersten beiden Gothic-Teile funktionieren so, dass wir auf Feinde aufschalten, wenn wir sie angreifen wollen. Das geschieht automatisch. Leider verhält sich diese automatische Aufschaltung nie so, wie wir es wollen. Dazu kommt noch, dass jedes Mal die Kamera auf den Gegner zentriert wird, den wir anvisieren. Bei Gegnergruppen wechselt die Aufschaltung alle paar Sekunden und die Kamera springt von Feind zu Feind. Da geht schnell die Übersicht flöten, was mich teilweise wirklich wahnsinnig gemacht hat.

Durchwachsene Kämpfe

Nun aber zu den eigentlichen Kämpfen. Wie auch der erste Teil definiert sich Gothic 2 über seinen hohen Schwierigkeitsgrad und seine daraus resultierende fantastische Progression. Bei diesem Spiel empfand ich den Anspruch jedoch schon als teilweise etwas zu hoch. Die Entwickler hatten meines Erachtens nach deutlich zu viel Spaß dabei, die Karte mit Drachensnappern, Elite-Orks und anderen extrem fiesen Monstern vollzukleistern. Es dauert teilweise wirklich ewig, bis man sich durch die Gegnerhorden gekloppt hat. Tatsächlich sind die Kämpfe gegen einzelne Gegner gar nicht unbedingt so schwer, sobald wir deren Taktik einmal durchschaut haben. Um dem entgegenzuwirken, treten Feinde fast immer in Gruppen auf. Wer möglichst wenig Schaden einstecken will, versucht, einzelne Gegner von der Horde wegzulocken. Das nimmt gerne viel Zeit in Anspruch und ist leider nicht sonderlich spaßig. Auch auf die Gefahr hin, als »casual« abgestempelt zu werden, finde ich, dass hier weniger mehr gewesen wäre.


Hier seht ihr die Werte meiner Spielfigur zur Mitte des Spiels. Der »Einhänder«-Wert bestimmt meine kritische Trefferchance.

Es gibt jedoch noch einen zweiten Aspekt, der mich bei den Kloppereien gestört hat: die kritischen Treffer. Diese gab es zwar auch schon im ersten Teil, sie sind mir in Gothic 2 aber viel mehr (und vor allem negativer) aufgefallen. Wir können unsere Fähigkeiten in diversen Waffengattungen steigern. Haben wir also 70% in der Kategorie »Einhandwaffen«, richten wir mit 70%iger Wahrscheinlichkeit einen kritischen Treffer an. Wie sich der Schadenswert eines kritischen Treffers berechnet, würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Lasst euch jedoch gesagt sein: Critical hits können durchaus das Fünf- bis Zehnfache des regulären Schadens anrichten.

Dementsprechend basiert das Kampfsystem zu einem erheblichen Teil darauf, möglichst viele kritische Treffer zu erzielen. Solange man aber nicht 100% bei einer Waffengattung erreicht hat, spielt Glück immer eine Rolle – meiner Meinung nach eine zu große. Dass das Kampfsystem von Gothic 2 eigentlich skillbasiert ist und man die Angriffsmuster der Gegner studieren muss, um erfolgreich zu sein, wird dadurch untergraben.

Gothic 2: Ich bin nach wie vor kein Fan der Steuerung und des Kampfsystems (gerade im Bezug auf die kritischen Treffer), auch den hohen Schwierigkeitsgrad finde ich grenzwertig. Davon einmal abgesehen ist Gothic 2 jedoch eine tolle Fortsetzung, die mit deutlich mehr Umfang, hübscheren Landschaften und mehr Komplexität punkten kann. Der Höhepunkt der Gothic-Reihe. modugames

8
von 10
2022-04-24T00:00:00+0200

Infokasten

Gespielte Version: 2.6 – Plattform: Steam

Hier lest ihr alle meine Rezensionen zu den Spielen der Reihe:

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