Gothic 3: Götterdämmerung im Test: Der Anfang vom Ende

Nach Gothic 3 (im Test: Wertung 7.5), welches zur Veröffentlichung von Bugs geplagt wurde, trennen sich das Entwicklerstudio Piranha Bytes und der Publisher JoWooD. Die im Jahr 2008 veröffentlichte Erweiterung »Götterdämmerung« wurde daher von Trine Games programmiert – ein Entwicklerstudio, von dem mit Sicherheit nicht nur ich noch nie etwas gehört hatte. Das Ergebnis ist enttäuschend.

Vom Schurken zum strahlenden Retter

Einige Jahre nach dem Ende von Gothic 3 hat sich der erhoffte Frieden nicht eingestellt. Vier Herrscher haben Myrtana unter sich aufgeteilt und können sich gegenseitig nicht ausstehen. Unser namenloser Helden findet das überhaupt nicht cool und so begibt er sich erneut nach Myrtana, um das Land zu vereinen und dauerhaften Frieden zu bringen. Das klingt ja erst einmal ganz nett. Die Erzählung hat allerdings einige Probleme, zum Beispiel wird die Entscheidungsfreiheit von Gothic 3 nicht berücksichtigt. Götterdämmerung erzählt mir immer wieder von bestimmten Ereignissen, allerdings sind diese für mich nie wirklich passiert, da ich mich anders entschieden habe. Doch nicht nur das ist sehr verwirrend, auch die Charakterzeichnung meines Helden hat mich überrascht.


Im Intro duellieren sich das namenlose Held und Xardas. Das wird in sehr, sehr hässlichen Standbildern erzählt.

Dazu müsst ihr wissen, dass mein Protagonist in Gothic 3 ein ziemlich egoistischer Drecksack war, der alle übers Ohr gehauen hat. Das schien mir im Kontext der Spielwelt auch die sinnvollste Verhaltensweise zu sein. In Götterdämmerung wiederum präsentiert sich der Protagonist als Helfer der kleinen Leute, dem nur an Frieden und Einheit gelegen ist und jegliche Verbrechen verabscheut. Woher kommt auf einmal diese Tugendhaftigkeit? Die Dialogzeilen meines Helden sind so voller Pathos, dass es stellenweise schwer auszuhalten ist. Vor allem, weil der Synchronsprecher des Helden seine Zeilen auch noch ohne jegliche Motivation vorträgt.

Gebt mir die Piranha-Bytes-Dialoge zurück!

Generell müssen wir über die Dialoge reden. Die Gespräche in Gothic 3 waren noch nie wirklich gut, aber sie haben ihren Zweck erfüllt. Was die Erweiterung abliefert, ist deutlich schlechter. Generell wurde der Informationsgehalt der Aussagen deutlich verringert, stattdessen verbringt man nun viel mehr Zeit mit absolut nutzlosen Dialogen, die zu nichts führen. Und wie lieblos manche Zeilen aufgenommen wurden! Teilweise merkt man, wie einzelne Wörter in offenbar schon existierende Audioaufnahmen eingefügt wurden, was absolut furchtbar klingt.


Die Suche nach dem Schwarzmagier ist eine der frustrierendsten Abschnitte der Erweiterung.

Die Probleme der Dialoge wirken sich auch auf das Questsystem aus. Am Hauptspiel habe ich noch gelobt, dass die Weg- und Aufgabenbeschreibungen der NPCs so akkurat sind, dass man keine Zusammenfassung der Quest im Questlog mehr braucht. Das ist nun nicht mehr der Fall. Die Beschreibungen der Auftraggeber sind nicht nur oft unzureichend, sondern teils auch schlichtweg falsch. Mehrmals musste ich eine Komplettlösung konsultieren, weil sich das Spiel in Teilen selbst widerspricht. Beispiel: Wir sollen einen Schwarzmagier der Orks ausfindig machen. Laut unserem Informanten hockt dieser auf einem Hügel, er befindet sich aber tatsächlich in einer Höhle. Götterdämmerung bricht auch mit einigen anderen Tugenden aus Gothic 3, zum Beispiel werden manche NPCs und Items jetzt erst gespawnt, wenn man eine gewisse Quest angenommen hat. Das nimmt der Welt aber ihre Glaubwürdigkeit.

Von einem, der Eskorten hasste

Unter all den großen Problemen dieses Spiels sind die Quests für mich wohl das größte. Der Fokus von Götterdämmerung liegt auf seiner Hauptgeschichte, mit Nebenaufgaben wird nur sehr sparsam umgegangen. Das hat mich zu Anfang der Erweiterung irritiert, weil fast niemand etwas zu sagen hat, wenn man nicht in der Hauptgeschichte voranschreitet. Da lobe ich mir Gothic 3, das in jeder Ecke der Welt irgendeine Aufgabe angeboten hat. Dementsprechend halten sich der der Spielfluss und der Entdeckerdrang in der Erweiterung stark in Grenzen. Das alles wäre nur halb so schlimm, wenn wenigstens die Hauptquest gut gelungen wäre. Leider ist das nicht der Fall. Sie ist dermaßen vollgestopft mit Aufgaben, die so offensichtlich nur dazu gedacht sind, die Spielzeit zu strecken und generell zu nerven, dass ich mich oft zwingen musste, Götterdämmerung weiterzuspielen.

Eskortmissionen stellen dabei den mit weitem Abstand schlimmsten Questtyp dar. An mehreren Stellen in der Handlung müssen wir eine Gruppe von NPCs von Punkt A zu Punkt B bringen. Dummerweise sind die Strecken echt lang und die Gruppen groß. Wer auch nur einen NPC auf der Strecke verliert – und das kommt oft vor, weil die Wegfindung furchtbar ist –, kann die Quest nicht beenden. Es ist zum Haare raufen.

Halbwegs positive Aspekte

Niemand soll mir nachsagen können, ich würde Gothic 3: Götterdämmerung nicht differenziert betrachten! Es gibt nämlich auch einige neue Waffen, Rüstungen und Gegnertypen. Das war es aber dann auch schon wieder mit positiven Neuerungen. Ja, der Soundtrack und die Landschaften sind so fantastisch wie eh und je – das ist aber Piranha Bytes anzurechnen, nicht Trine Games. Kampf- und Skillsystem bleiben ebenfalls beim Alten. Letzteres ist in diesem Fall aber problematisch, da es in Götterdämmerung nicht genügend Möglichkeiten zum Sammeln von Erfahrungspunkten gibt, um viele der Fähigkeiten überhaupt erlernen zu können.


Wir können erneut Arenakämpfe bestreiten, allerdings laufen diese immer exakt gleich ab und die Arenameister geben uns immer die gleichen Belohnungen. Viel weniger Aufwand kann man als Entwickler eigentlich gar nicht mehr betreiben.

Wir verbringen übrigens das ganze Spiel in Myrtana. Die Wege nach Varant und Nordmar werden von riesigen Felsbrocken versperrt – was ein Zufall! Deshalb besitzt das Spiel auch nur ein Drittel des Umfangs von Gothic 3, eigentlich aber sogar noch weniger, da die Dichte an Monstern und Schätzen zurückgefahren wurde. Für die Erweiterung habe ich insgesamt elf Stunden gebraucht, für das Hauptspiel hingegen das Fünffache. Gravierende Bugs wie im Grundspiel bleiben aus, ich muss also keine Abwertung vornehmen. Überzeugende Kaufargumente sind das allerdings nicht.

Gothic 3: Götterdämmerung: Nicht alles an Götterdämmerung ist schlecht, beispielsweise finde ich die Landschaften und die Musik nach wie vor erstklassig – aber die stammen ja auch aus dem Hauptspiel. Alles, was die Erweiterung neu macht, wirkt schlecht durchdacht, unfertig und recht lieblos dahingeklatscht. Selbst die an Entbehrungen gewöhnten Fans von Gothic 3 werden hiermit nicht glücklich. modugames

5
von 10
2022-05-29T00:00:00+0200

Infokasten

Gespiele Version: Enhanced Edition 2.01.08 – Plattform: Steam

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