Limbo – Eine andere Sicht auf den Puzzle-Klassiker | Kritik

Ihr kennt dieses Phänomen bestimmt auch: Ein Spiel wird sowohl von den Fans als auch von der Fachpresse gefeiert, aber man selbst kann das Lob nicht ganz nachvollziehen. Mir geht es bei Limbo leider so. »Leider« deshalb, weil ich Limbo mittlerweile schon mehrmals durchgespielt habe, immer auf der Suche nach der Faszination, die sich aber leider nie oder zumindest nur selten eingestellt hat. Bevor ihr jetzt aber schon auf die Barrikaden geht: Lasst mich bitte erklären, warum ich Limbo nur »gut« und nicht herausragend finde.

Kreative 2D-Rätsel

Erdrückende, schwarz-weiße Farben überziehen unseren Bildschirm. Als kleiner Junge erwachen wir in einem gespenstischen Wald und beginnen damit, unsere Umgebung zu erkunden. Wir bewegen uns mit den Pfeiltasten und verwenden außerdem »Strg«, um beispielweise Gegenstände zu ziehen oder Schalter zu betätigen – mehr Tasten werden nicht benötigt. Trotz der sehr minimalistischen Aktionen, die wir im Spiel ausführen, werden die Rätsel durchaus noch komplex.

Limbo ist etwa drei bis vier Stunden lang, was natürlich auch davon abhängt, wie gut ihr im Lösen von Rätseln seid. Mein Talent diesbezüglich hält sich arg in Grenzen. Bedingt durch den Umstand, dass ich Limbo schon einige Male durchgespielt habe, kenne ich zwar viele Rätsel mittlerweile auswendig. Trotzdem kam ich auch für diese Rezension immer wieder ins Stocken, musste lange überlegen und teilweise sogar eine Komplettlösung konsultieren. Wobei ich hier betonen will: Das Rätseldesign gefällt mir gerade in den ersten zwei Dritteln wirklich gut und ist prinzipiell auch immer logisch. Wenn ich mir irgendwo die Zähne ausgebissen hatte, lag das stets daran, dass ich etwas übersehen oder die subtilen Hinweise falsch interpretiert hatte.


Hier sehen wir die Limbo-Version der berühmten Szene aus »Jäger des verlorenen Schatzes«. Von dieser Kugel sollten wir uns besser nicht erwischen lassen.

Insgesamt ist das Spiel in 39 kleinere Kapitel unterteilt, in denen es ein oder mehrere Hindernisse zu bewältigen gilt. Meistens handelt es sich hierbei um Physikpuzzles, die mit der Zeit an Komplexität zulegen. Anfangs schieben wir noch Kisten an die richtigen Stellen, um Vorsprünge zu erklimmen. Später kommen dann auch noch etwas abgefahrene Ideen wie umkehrbare Schwerkraft hinzu. Für einen nicht unerheblichen Teil der Rätsel ist präzises Timing unabdingbar. Viele Zeitfenster sind knapp bemessen und auch bei Sprüngen existiert nur selten Raum für Fehler. Ich finde diese Art der Rätsel zwar nicht furchtbar, aber mir gefällt Limbo immer dann am besten, wenn wirklich nur das kreative Denken zählt und Reflexe keine Rolle spielen.

Eine kompromisslose Welt

Wenn wir einmal scheitern, endet dies in einem brutalen Tod unserer Spielfigur. Der Junge wird beispielsweise von automatischen Maschinengewehren erschossen, von Sägeblättern zerstückelt oder stürzt schlicht und ergreifend zu Tode. Das sagt natürlich so einiges über die Welt aus, in der Limbo spielt. Die schwarz-weiße Farbpalette, die kaputten Hotelschilder, das weitgehende Fehlen allen menschlichen Lebens – hier geht es enorm trostlos zu. Und wir, wir sind nur eine kleine schwarze Silhouette mit leuchtenden Augen in dieser Welt, die uns an allen Ecken und Enden umbringen will. Die Atmosphäre des Spiels – auch befeuert durch sein minimalistisches Sounddesign – ist schon wirklich einzigartig melancholisch. Gerade die anfängliche Auseinandersetzung mit einer Riesenspinne, die uns ans Leder will, ist mir als sehr spannend in Erinnerung geblieben. So etwas fehlt dem Spiel meiner Meinung nach aber auch gegen Ende.


Unsere Spielfigur kann nicht schwimmen und braucht daher ein Boot, um tiefe Gewässer zu überqueren.

Und so sehr ich die Atmosphäre auch lobe, finde ich, dass sich der Grafikstil auf lange Sicht dann doch abnutzt. Aber wie gesagt: Hier spricht jemand, der Limbo mehrmals durchgespielt hat. Wenn ihr das Spiel zum ersten Mal erlebt, dürfte euch die Optik sicherlich noch mehr zusagen. Mein größtes Problem mit Limbo ist aber ohnehin die Geschichte. Ich formuliere es einmal so: Wenn ihr gerne interpretiert, kleine Informationsfetzen aufschnappt und Geschichten in eurem Kopf entstehen lasst, dürftet ihr mit Limbo sehr viel Freude haben. Ich persönlich bin jedoch eher ein Fan von komplexen Erzählungen mit gut ausgearbeiteten Figuren und umfangreichen Hintergrundgeschichten. Das alles sucht man bei Limbo natürlich vergebens.

Fazit

Ich kann einige der Qualitäten von Limbo problemlos anerkennen, gerade im Hinblick auf das Rätseldesign und die ungewöhnliche Atmosphäre. Gleichzeitig ist mir die bestenfalls kryptische Handlung viel zu dünn und der Schwarz-Weiß-Grafikstil wird mir auf Dauer zu eintönig. Limbo ist ein gutes Spiel, aber ich sehe die Brillanz nicht.

Hinweis: Am 07.10.2022 wurde die Wertung von 6.5 auf 7 angehoben und das Fazit angepasst.

Freier Videospielejournalist und Betreiber von ModuGames.net. Fokussiert auf Rollen-, Action- und Strategiespiele. Schreibt gerne und viel.

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