Stronghold im Test: Ein unvergänglicher Klassiker der Mittelalter-Strategie

Man kann es sich heutzutage kaum noch vorstellen: Es gab einmal eine Zeit, da war die Echtzeitstrategie ein höchst populäres Genre, das wuchs und gedieh. In dieser Phase des RTS-Booms erblickten viele Genrevertreter das Licht der Welt, die über die Jahrzehnte in Vergessenheit geraten sind. Nicht so Stronghold. Das Echtzeitstrategiespiel aus dem Hause Firefly besitzt selbst mehr als 20 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung noch eine überaus treue Fangemeinde – und das aus gutem Grund. Stronghold ist auch heutzutage noch ein tolles Echtzeitstrategiespiel, das sich keinesfalls vor modernen Genrevertretern verstecken muss.

(K)ein Herz für Tiere

Das Ziel von Stronghold besteht darin, vier Tiere zu töten. Wenn das die PETA wüsste! Okay, okay, bei den besagten »Tieren« handelt es sich eigentlich um vier Grafen, die lediglich besser unter ihren Tiernamen bekannt sind: die Ratte, die Schlange, das Schwein und der Wolf. Und ja, die haben es verdient, dass wir ihnen nach allen Regeln der Kunst das Fell abziehen wollen. Nachdem der König gefangen genommen wurde, übernahmen die vier Tunichtgute nämlich die Kontrolle über das Land. Wir spielen einen Königstreuen, der das verständlicherweise überhaupt nicht toll findet. Unser Ziel in der 21 Missionen langen Militärkampagne ist es nun, das Land zurückzuerobern. Glücklicherweise müssen wir unseren Kontrahenten nicht völlig alleine gegenübertreten. Der kampfeslustige Sir Longarm und der vorsichtige Lord Woolsack stehen uns bei der Planung des Widerstands zur Seite.


Die Schlange ist der zweite von vier Antagonisten in der Militärkampagne.

Die Geschichte wird dabei durch Zwischensequenzen fortgeführt, von denen es grundsätzlich zwei unterschiedliche Arten gibt: Die erste Variante besteht darin, dass uns der Erzähler aus dem Off über aktuelle Ereignisse informiert. Bei Variante Nummer zwei hingegen dürfen wir Dialogen lauschen, die sowohl zwischen unseren beiden Beratern wie auch zwischen den Grafen stattfinden. Die Gespräche unter den Fieslingen werden dabei clever eingesetzt, um unsere Kontrahenten zu charakterisieren. Dabei stellt sich heraus, dass die vier Grafen auch die Eigenschaften ihrer namensgebenden Tiere übernommen haben: Die Ratte ist feige, die Schlange hinterhältig, das Schwein gierig und der Wolf furchteinflößend.

Etwas unterwältigende Geschichte

Die Gegenspieler sind allerdings enorm eindimensional und dermaßen überzeichnet, dass sie uns wie Karikaturen vorkommen. Wirklich erstnehmen kann man von der ganzen Bande nur den Wolf, effektive Antagonisten sind sie aber allesamt. Im Gegensatz zu manch anderen Videospiel-Bösewichten besitzen die vier Grafen aus Stronghold immerhin greifbare Persönlichkeit und wir sind jedes Mal froh, wenn wir einem den Garaus machen konnten.

Generell bleibt die eigentliche Geschichte auf einem doch sehr mittelmäßigen Niveau. Unser Protagonist selbst hat keine Persönlichkeit und die ohnehin wenigen emotionalen Momente sind leider doch nicht so emotional, wie sie sein könnten. Die Stärken der Militärkampagne liegen an anderer Stelle, zum Beispiel beim fantastischen Fortschrittsgefühl. Zu sehen, wie sich die »Weltkarte« in unserer Farbe (blau) einfärbt und die Hoheitsgebiete der Grafen schrumpfen, ist einfach unheimlich befriedigend. Ein nettes Detail: Wer das Spiel auf Englisch stellt, dessen Weltkarte sieht aus wie Großbritannien, in der deutschen Version erobern wir auch tatsächlich Deutschland.

Eine intelligent konzipierte Kampagne

Die Militärkampagne dient parallel auch noch als Tutorial, denn die Missionen sind so aufgebaut, dass wir behutsam an die Spielmechaniken herangeführt werden und in jedem Einsatz ein paar neue Elemente dazukommen. Das ist ausgesprochen löblich und garantiert, dass Neueinsteiger nicht überfordert werden. Zumal dies innerhalb der Handlung auch Sinn ergibt: Die Rebellen sind anfangs ziemlich schlecht ausgerüstet. Wir bauen erst nach und nach eine ernstzunehmende Armee auf, die dann auch fortgeschrittenere Einheiten umfasst.


In einer frühen Mission scheitern Friedensverhandlungen mit den Gegnern. Na gut, dann eben auf die harte Tour!

Eine weitere Stärke der Militärkampagne sehe ich im Missionsdesign. In der Regel steht zwar der Auf- bzw. Ausbau einer Burg im Vordergrund, innerhalb dieses Rahmens variieren die Aufgaben aber dennoch stark genug, dass keine Langeweile aufkommt. Einmal übernehmen wir das Kommando über die Festung eines verbündeten Herrschers, um einen Angriff der Ratte zurückzuschlagen. An anderer Stelle müssen wir mit einer vorgegebenen Armee die Burg eines Gegenspielers stürmen und im Anschluss eine gewisse Menge Gold erwirtschaften.

In den meisten Missionen dürfen wir jedoch selbst bestimmen, wie und wo wir unsere Festung errichten wollen. Das ist auch gut so, denn gerade diese Freiheit, dass wir die Burg unserer Träume errichten können, macht den Reiz von Stronghold aus. Ebenfalls begrüßenswert ist, dass wir vor jedem Einsatz den Schwierigkeitsgrad selbst einstellen dürfen. Die Möglichkeiten reichen dabei von »leicht« bis »sehr schwer«. Diese Funktion ist auch bitter nötig, denn der Schwierigkeitsgrad hat es stellenweise wirklich in sich. Widmen wir uns nun aber endlich dem eigentlichen Gameplay.

Burgherr und Architekt zugleich

In Stronghold kämpfen und bauen wir aus der isometrischen Ansicht. Die Kamera ist in 90-Grad-Schritten drehbar, darüber hinaus dürfen wir stufenweise herauszoomen. Letzteres ist in den meisten Situationen allerdings nicht zu empfehlen, da dies schnell unübersichtlich wird. Einige Karten sind auch schlicht und ergreifend zu klein für die herausgezoomte Ansicht sind, hässliche schwarze Ränder an den Seiten sind die Folge. Ich persönlich arbeite gar nicht viel mit den Kameraeinstellungen, sondern verlasse mich auf die Leertaste, um die Übersicht zu verbessern. Betätigt man diese, wird die Welt geplättet und man sieht nur noch die Grundrisse aller Gebäude. Das ist extrem hilfreich, da sich die Platzierung der Bauwerke oft als etwas hakelig herausstellt.


So sieht die geplättete Ansicht aus. Sehr hilfreich, um die oft hakelige Gebäudeplatzierung übersichtlicher zu gestalten.

Wir finden uns ziemlich oft in der Rolle des Baumeisters wieder, denn Stronghold ist nicht bloß ein klassisches Echtzeitstrategiespiel. Bezeichnungen wie »Aufbaustrategie« oder »Burgensimulation« sind fast schon zutreffender, denn die Kämpfe nehmen in Stronghold einen verhältnismäßig geringeren Stellenwert ein als in RTS-Titeln der Marke Command & Conquer oder Age of Empires. Stattdessen verbringen wir viel mehr Zeit mit dem Aufbau unserer Burg und dem Management von Ressourcen.

Das erste Gebäude, welches wir platzieren, ist der Bergfried. Hier können wir unter anderem die Höhe der Steuern festlegen. Außerdem dient der Bergfried als Treffpunkt für unbeschäftigte Arbeiter. Als nächstes bauen wir ein Warenlager, also einen Platz, an dem Ressourcen gesammelt werden. Darauf folgt der Nahrungsspeicher. Diesen können wir benutzen, um die Größe der Mahlzeiten festzulegen. Unsere Untertanen mögen es natürlich lieber, üppige Gerichte serviert zu bekommen. Das treibt dementsprechend dann auch den Beliebtheitswert in die Höhe treibt. Aber was hat es mit diesem Beliebtheitswert auf sich?

Demoskopie im Mittelalter

Das wichtigste Gut jedes Burgherren in Stronghold das Ansehen bei seiner Bevölkerung, welches als Prozentwert angegeben wird. Bei unter 50% verlieren wir Einwohner, bei mehr als 50% kommen neue hinzu. Es ist also essenziell, dass wir uns immer in der oberen Hälfte bewegen, da es üble Kettenreaktionen zur Folge haben kann, wenn uns plötzlich die Arbeiter weglaufen. Der Bereich von 50 bis 100 darf jedoch frei ausgeschöpft werden. Nahrung und Steuern sind die Hauptfaktoren, um den Beliebtheitswert zu beeinflussen. So ist es manchmal ratsam, die Essensrationen zu verkleinern und ein wenig Unzufriedenheit über einen längeren Zeitraum hinzunehmen, als zu großzügig zu sein und dann am Ende vor einer komplett leeren Kornkammer zu stehen. Dann steigen uns die Untertanen nämlich erst recht aufs Dach.


In unserem Bergfried legen wir die höhe der Steuern fest.

Wer über fröhliche Burgbewohner regiert, kann gefahrlos Steuern eintreiben. Hier gilt: Je höher die Steuern, desto ungehaltener die Bevölkerung. Das Gold ist wiederum notwendig, um Einheiten zu rekrutieren und bestimmte Gebäude zu bauen. Dieses Wechselspiel zwischen »Ich brauche höhere Steuern« und »Der Nahrungsspeicher darf nicht leer werden« ist quasi immer präsent. Man kann die öffentliche Meinung aber noch auf andere Art beeinflussen, etwa durch Religion oder Bierausschank.

Warenkreisläufe? Immer her damit!

Das war es allerdings noch lange nicht mit dem Aufbauteil von Stronghold. Zur Nahrungsbeschaffung gibt es etwa mehrere Wege, unter anderem dürfen wir Jagdhütten, Apfelplantagen und Käsereien errichten. Diese haben den Vorteil, dass sie kurz nach der Inbetriebnahme schon Nahrung liefern, sie werfen aber auch nicht sonderlich viel ab. Am produktivsten ist es, Brot zu backen. Dazu müssen wir erst einen Bauernhof, dann eine Mühle und schließlich eine Bäckerei errichten. Hier lässt sich sehen: Diese Methode benötigt mehr Arbeitsschritte und ist dementsprechend nicht in jeder Situation zu empfehlen, lohnt sich auf lange Sicht aber meist mehr als die Alternativen. Für jede Art der Essensbeschaffung gilt, dass die entsprechenden Gebäude möglichst nahe am Nahrungsspeicher stehen sollten, um Laufwege möglichst kurz zu halten.


Im Nahrungsspeicher wird angezeigt, wie viel Essen vorhanden ist und wie lange die Vorräte noch reichen werden.

Aber natürlich gibt es noch eine Reihe anderer Ressourcen in Stronghold. Stein ist ein essenziell Gut, da er für die meisten Verteidigungsbauten gebraucht wird. Auch Eisen ist wichtig, um fortgeschrittene Einheiten wie Streitkolbenkämpfer oder Ritter rekrutieren zu können. Gebäude, die Waffen produzieren, kosten nicht nur Gold, sondern wollen ebenfalls intelligent platziert werden – möglichst zwischen Vorratslager und Waffenkammer. Die optimale Erwirtschaftung von Ressourcen ist ein integraler Spielbestandteil von Stronghold.

In den Fußstapfen von Ludwig II.

Aber sind wir einmal ehrlich: Diesen ganzen Wirtschaftsteil macht man sowieso nur aus einem Grund: Damit man sich eine möglichst prachtvolle Burg bauen kann! Dafür stehen uns eine ganze Palette an Baumöglichkeiten zur Verfügung, von einfachen Holzpalisaden bis hin zu großen Steintürmen. Neben schützenden Wassergräben, schweren Waffen, die auf Türmen platziert werden, oder rein kosmetischen Verzierungen existieren auch noch Bauten, die einen guten beziehungsweise bösen Effekt mit sich bringen. Letztere heitern die Bevölkerung entweder auf – oder verängstigen sie. So hat selbst die Gestaltung der Burg spürbare Auswirkungen auf die Bevökerung. In Strongholdgeht so etwas Hand in Hand.


Anfangs müssen noch einfache Holzpalisaden zur Verteidigung herhalten. Diese sind zwar nicht so effektiv wie Stein, verleihen der Burg aber ein rustikales Aussehen.

Bei aller berechtigten Begeisterung über die vielen Gestaltungsmöglichkeiten sollte man allerdings nicht vergessen, dass die eigenen Bauwerke auch von Feinden zerstört werden können. Hierbei ist es extrem unrealistisch, dass auch Nahkämpfer Burgmauern einreißen können. Ich verstehe zwar, warum sich die Entwickler aus Balancing-Gründen für diesen Schritt entschieden haben, aber wenn selbst schwächliche Lanzenträger meterdicke Steinwälle einfach wegkloppen, schadet das der Glaubwürdigkeit. Einzelne Schwächen wie diese kann man einem ansonsten sehr guten Spiel aber durchaus verzeihen.

Krieg und Frieden

Bei den Kämpfen weicht Stronghold nicht allzu sehr vom Genre-Standard ab. Wir dürfen insgesamt sieben Truppentypen ausbilden: Bogenschützen, Lanzenträger, Streitkolbenkämpfer, Armbrustschützen, Pikeniere, Schwertkämpfer und Ritter, wobei vom klassischen „Schere, Stein, Papier“-Prinzip Gebrauch gemacht wird. Schwertkämpfer wischen mit Lanzenträgern den Boden auf, sind gegen Armbrustschützen aber ziemlich wehrlos. Diese bekämpft man dann wiederum mit den sehr wendigen Rittern. Belagerungswaffen bringen eine eigene strategische Dimension ins Spiel, zum Beispiel können Katapulte tote Kühe abfeuern, um in der gegnerischen Burg Seuchen ausbrechen zu lassen. Mit tragbaren Schilden schützt man wiederum seine Infanterie vor feindlichem Beschuss. Das funktioniert alles sehr gut und macht enorm viel Spaß. Die Gegner-KI hätte jedoch gerne eine Spur intelligenter ausfallen dürfen. Den Mangel an Grips gleicht der Computer oft mit zahlenmäßiger Überlegenheit aus.


Burgeroberung leicht gemacht: Mit Rammböcken und Belagerungstürmen erklimmen sich Wälle gleich viel angenehmer.

Das oben Beschriebene bezieht sich zu großen Teilen auf die Militärkampagne, welche ich als das Herzstück des Spiels betrachte. Diese ist jedoch nicht der einzige Modus in Stronghold. Wir dürfen auch einzelne Belagerungen bestreiten und dort historische ebenso wie fiktive Burgen (Camelot!) erobern oder verteidigen. Wer es lieber friedlich mag, versucht sich an der Wirtschaftskampagne oder am Freien Bauen. Ein Karteneditor und der Mehrspielermodus runden das Gesamtpaket ab. Stronghold wird übrigens durchaus noch im Multiplayer gespielt. Es ist in dieser Hinsicht zwar nicht so populär wie das Standalone-Addon Crusader, aber man findet auf GameRanger immer noch einige aktive Spiele. Seid jedoch gewarnt: Die Mehrspieler-Community besteht ausschließlich aus Stronghold-Veteranen. Als Neuling sieht man da kein Land.

Mittelalterliche Grafik

Kommen wir zuletzt noch zu einem der größten Probleme von Stronghold: seiner Präsentation. Stronghold sah schon bei seinem Release im Jahr 2001 maximal noch »gut« aus. Trotz der HD-Neuveröffentlichung aus dem Jahr 2012 trübt die stark angestaubte Grafik merklich den Spielspaß und ist einer der Hauptgründe, warum ich mich gegen eine 9.0 ausgesprochen habe und ich selbst die 8.5 noch als wirklich nett empfinde. Die Zwischensequenzen in der Kampagne sind sehr statisch und optisch langweilig, zumal die Dialogregie auch noch seltsam ist. Wasser kann man kaum als solches erkennen und die Animationen sind teilweise wirklich hakelig. Dennoch kann auch Stronghold mit dem Siedler’schen Wuselfaktor aufwarten: Am liebsten möchte ich jeden einzelnen Holzfäller dabei beobachten, wie er erst Bäume fällt, sie dann zerhackt, zersägt und anschließend ins Vorratslager bringt.


Die Burg Camelot in der höchsten Zoomstufe – so sieht Stronghold am beeindruckendsten aus.

Stronghold bräuchte ein richtiges Remaster. Eine Neuauflage im Stil der Definitive Editions von Age of Empires wäre mein Traum. Hey, Firefly, könntet ihr nicht mal an so etwas arbeiten, anstatt weiterhin halbgare 3D-Ableger zu veröffentlichen? Auch wenn die Grafik etwas angestaubt ist, hat Stronghold dennoch ein Ass im Ärmel: seinen fantastischen Soundtrack, der zum besten gehört, was mir je in einem Videospiel untergekommen ist. Violinen, Mandolinen und andere klassische Instrumente spielen fröhlich im Hintergrund, während ich meiner Burg beim Wachsen zuschaue. Große Orchesteraufführungen sollte man hier allerdings nicht erwarten, was aber auch gar kein Problem ist, denn der Soundtrack von Stronghold schafft sehr viel mit sehr wenig. Die Melodien sind echte Ohrwürmer – ich bin immer noch erstaunt, wie viele Stücke ich bis heute mitsummen kann – und bereichern die ohnehin schon gute Atmosphäre des Spiels noch einmal enorm.

Stronghold: Stronghold gehört zu meinen absoluten Lieblingsstrategiespielen. Die Mischung aus Aufbau- und Echtzeitstrategie ist ebenso zeitlos wie brillant und die großartige Musik erzeugt Mittelalter-Atmosphäre en masse. Wer über die stark veraltete Grafik und die nicht übermäßig tolle Hauptgeschichte hinwegsehen kann, bekommt ein nach wie vor sehr gutes Spiel. modugames

8.5
von 10
2022-03-23T19:57:46+0100

Infokasten

Gespielte Version: HD Edition 1.41 – Plattform: Steam

Hier lest ihr alle meine Rezensionen zu den Spielen der Reihe:

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